products aktu kalen anmel inter bris eman baby services news geste support
 
Neue Männer braucht das Land - Ein Interview mit dem Politologen Thomas Schlegel

(Friedberg) Als Gründer der ersten Abenteuerschule Deutschlands, Motivationstrainer einer neuen Generation und Kämpfer für Familienrenaissance setzt der 45 Jährige Sozialpädagoge, Politikwissenschaftler und Hobbybergsteiger seit beinahe 12 Jahren immer wieder neue Akzente in der ambulanten Jugendhilfe. Mit seinen provokanten Thesen, der Forderung einer neuen Emanzipation der Männer als Lösungsansatz für den Tiefflug der Familien, stößt er dabei überwiegend auf positive Resonanz. Mit myheimat sprach der Berufsabenteurer nun offen über Beruf und Privatleben.

myheimat: Herr Schlegel, seit wie vielen Jahren sind Sie nun schon in der Jugendhilfe tätig? Wie ergab sich diese Berufsperspektive?
Schlegel: Insgesamt bin ich seit nunmehr 14 Jahren in der Jugendhilfe tätig. Meinem Abschluss zum Sozialpädagogen folgten 3 Jahre Heimarbeit und schließlich die Selbständigkeit in Form der Gründung der Abenteuerschule. Meine ursprüngliche Motivation kam dabei sozusagen von innen. Die Lebensfülle und Kraft, die mir meine Familie mit auf den Weg gab, wollte ich weitergeben. Ganz nebenbei hat mich auch ein Film von Heinz Rühmann, in einem Kinderheim spielend, stark inspiriert.

myheimat: In einem kleinen Dorf der schwäbischen Alb geboren, war ihre Kindheit sozusagen geprägt von Naturerfahrungen und abenteuerlichen Erkundungen. Auch während ihrer Freizeit sind Sie seit Jahren begeisterter Hochtourenführer und bilden selbst Alpinisten aus. Inwiefern beeinflussten Sie diese Erfahrungen in ihrem späteren Leben?
Schlegel: Mich hat die Natur schon immer stark geprägt. In meiner Jugend spielte Fernsehen praktisch noch keine Rolle - Die 3 Programme gaben ja nicht viel her und waren obendrein noch schwarzweiß. Sooft ich konnte bin ich also raus in den Wald und rauf auf den Berg. Diese Lebensfülle, die ich im Alltag nie fand, durfte ich aber in den Bergen erfahren und wollte sie schließlich auch anderen Menschen mitgeben.

myheimat: 1998 gründeten Sie die Futhuk?Abenteuerschule in Obergrießbach bei Aichach, die mit ihrer Kombination aus Sozialarbeit, Mentorenpädagogik und Erlebnispädagogik mittlerweile eine der größten bayerischen Einrichtungen dieser Art in der ambulanten Jugendhilfe ist. Wie kam es dazu und welche Ziele verfolgt die Einrichtung?
Schlegel: Die Idee kam mir als ich eines Tages in einer hohen Felsnadel in den Schweizer Alpen klettern ging. In diesem Moment war ich überwältigt von dem Eindruck der sich mir bot. Ich erkannte: Das Leben beinhaltet eine weitaus größere Fülle als die Gesellschaft uns bieten will. Die Idee war ganz einfach. Die Abenteuerschule entstand als Kombination meiner beruflichen Fähigkeiten. Sozialarbeit wurde mit Bildung (Politikstudium) und Naturerfahrung (Fachübungsleiter Hochtouren) verbunden. Die Abenteuerschule setze sich somit zum Ziel, die Familien in Krisensituationen zu stabilisieren, soziale Fähigkeiten und Selbsthilfekräfte aufzubauen und die Familien nach 1 ½ Jahren selbständig aus unserer Unterstützung zu entlassen.


myheimat: Sie bezeichnen Ihre Eltern als Grundlage ihrer Lebensenergie und Lebensfreude. Aus einer Großfamilie stammend, wussten Sie was es bedeutet einen gesunden Familienbetrieb zu erleben. Worin unterscheiden sich ihre eigenen Erfahrungen zu denen der Jugendlichen, die Sie heute in der Abenteuerschule betreuen?
Schlegel: In meinem Berufsleben erlebe ich tagtäglich reduzierte Familien, d.h. der Vater oder die Mutter fehlt, die Eltern sind in ihrem Selbstbewusstsein geschwächt und es gibt nur wenig oder gar keine Verwandtschaft -Großfamilien sind praktisch nicht mehr existent. Diesen Familien fehlt sozusagen absolut jeder soziale Rückhalt. Aus eigener Erfahrung weiß ich, wer eine solche Großfamilie oder einen künstlichen Vielpersonenraum in Form von Vereinen, Freunden oder Gemeinde nicht erlebt hat, muss alle Lebenskraft anstrengend aus sich selbst schöpfen. Meiner Familie bin ich für meine Kindheit zutiefst dankbar; Mir ging es praktisch wie Obelix: ich bin in den Zaubertrank voll Lebensfreude gefallen und könnte heute damit noch mindestens 3 Personen versorgen.

myheimat: In ihrer eigenen Schulzeit haben Sie selbst oft schlechte Erfahrungen mit Lehrern gemacht. Nur ihr Ausgleich durch Klettertouren hielt ihrer Aussage nach ihr Selbstbewusstsein aufrecht. Welche Werte wollen Sie den Jugendlichen mit denen Sie arbeiten mit auf den Weg geben?
Schlegel: Das wichtigste liegt für uns darin, den Kindern bewusst zu machen: Du bist gesund, vertraue dir selbst und glaube an dich selbst - Und nicht wie alle dir weismachen wollen: ?du bist krank?. Nur deine Lebenssituation ist eben schwierig. Kinder sollen Werte erleben und vor allem brauchen Kinder Erwachsene, die diese Werte leben.

myheimat: Im Rahmen ihrer Erfahrungen in der Jugendhilfe sprechen Sie zunehmend von einem erschreckenden Väter und Männerbild, das Sie als Sozialpädagoge erlebt haben. Wie sieht dieses Bild aus?
Schlegel: Das heutige Rollenverständnis vieler Männer gleicht dem eines Jugendlichen. Männliches Selbst - Bewusstsein ist völlig abhanden gekommen. Die Meisten agieren schüchtern im Hintergrund und bieten dem Partner und auch ihren Kindern keinen Widerstand mehr. Wenn diese Bewusstlosigkeit weiter voranschreitet, bleiben viele Männer weiterhin auf dem sozialen Stand eines 22 jährigen stehen.

myheimat: Worin liegt ihrer Meinung nach die Ursache hierfür?
Schlegel: Zu Beginn der Emanzipation der Frau sind die Männer für die Frauen einen Schritt zurückgetreten. Sie haben sich als Gentleman zurückgenommen und stehen dort heute noch.

myheimat: Um diesem negativen Verlauf Einhalt zu gebieten fordern Sie eine zweite Emanzipation ? die der Männer. Diese Emanzipation soll aber ihrer Meinung nach mit den Frauen vollzogen werden Wie dürfen wir uns diesen Prozess vorstellen?
Schlegel: Frauen haben die Männern an den Ergebnissen ihrer emanzipatorischen Erkenntnisse nicht teilhaben lassen. Diesen Fehler dürfen die Männer nicht mehr machen. Sie müssen ihre Erkenntnisse mit den Frauen absprechen und sich zusammen mit ihnen weiterentwickeln.

myheimat: Seit Januar 2006 versuchen Sie in ihrer neu gegründeten Bildungsfirma schlegel-trainings die männliche Kompetenz in Partnerschaftsfragen zu stärken und werben gleichzeitig für Familienrenaissance und Persönlichkeitsstärkung. Dabei werden Sie oftmals mit kritischen Fragen konfrontiert. Wie gehen Sie damit um? Sehen Sie in ihren provokanten Forderungen wirklich den Lösungsansatz den wir brauchen?
Schlegel: Ich stärke einerseits die männliche Kompetenz in Partnerschaftsfragen, bilde andererseits aber auch die Männer auf ihr Mann- Sein hin aus. Ich würde mich sogar als Männer- Macher bezeichnen. In meinen Seminaren erkenne ich schnell: vor allem die Männer müssen bei Adam und Eva anfangen. Um Sie wachzurütteln habe ich 3 provokante Thesen formuliert: ?Wozu noch Männer??, ?Bist du Kind oder Partner?? Und ?Die Frauen rennen uns davon!?. Von Kritik, denke ich, kann dabei keine Rede sein. Die Bestätigung aus Familie, von Freunden und Seminarteilnehmern zeigt mir, dass ich mich mit meinen Ideen auf dem richtigen Weg befinde. Wir müssen endlich aufwachen und Männer müssen wieder ?Männer werden?.


myheimat: Zurzeit arbeiten Sie an zwei Büchern: ? Der Babymann und die Emanzipierte Frau ? Wohin mit meiner Kraft? und ?Familie ? Traum oder Trauma??. In Ihren Büchern werben Sie für die Emanzipation des Mannes, ein neues Familienbild und mehr Mut zum Vorbild. Wie genau stellen Sie sich dieses neue Rollenbild vor und was wollen Sie mit ihren Forderungen erreichen?
Schlegel: Gleich wie früher sich die Frau vom Mann wegemanzipiert hat, so sollte sich der Mann nun von der Frau wegemanzipieren, d.h. unabhängig werden, vor allem vom Körper der Frau. Er sollte anfangen sich selbst zu entdecken, die Schönheit seines eigenen Körpers (männliche Schönheit) und auch im Bezug auf seine Person ?Stolz? entwickeln und sein Selbst ? Bewusstsein stärken. Gleichzeitig fordere ich ein neues Familienbild, geprägt durch den Rückhalt einer Mehrpersonenfamilie, die wieder stärkere Grundlagen für Lebensfreude und Leistungsbereitschaft schaffen muss.

myheimat: ?Wir in Deutschland leben so, als ob wir keine Kinder hätten?, mit diesem Leitspruch versuchen Sie ihre Thesen zu Stützen. Mangelnde Vorbildfunktionen und übermäßig sexualisierte und gewaltverherrlichende gesellschaftliche Wertvorstellungen sind für Sie mit eine der Hauptursachen desolater Entwicklungen in der Erziehung vieler Jugendlicher. Worin äußert sich für Sie diese Annahme und wie gedenken Sie dagegen vorzugehen?
Schlegel: Als Eltern leisten wir heute praktisch keinen Widerstand mehr. Ein Beispiel: In der Fastfoodkette Mc Donalds läuft ein Musiksender in dem halbnackte Frauen einen heißen Strip hinlegen ? und jedes (Klein)Kind kann zusehen. Geht ein Vater zur Geschäftsleitung und moniert? Wer in der Familie soll denn die Schutzfunktion übernehmen? Wo bleibt die alte männliche Wehrhaftigkeit? Bildung und Bewusstsein der Männer müssen geweitet werden. Die neue Form der Männer muss sich wieder als Wehrfaktor in der Gesellschaft und Familie etablieren, allerdings nicht im herkömmlichen Sinne.

myheimat: Was wünschen Sie sich von unserer Gesellschaft für die Zukunft? Worin sehen Sie persönlich einen Ansatz für jeden einzelnen?
Schlegel: Nicht mit Arbeit und Fernsehen seine ganze Zeit verschenken, sondern Sie sich lieber der Familie und den Freunden zuwenden ? Das gibt dem Menschen die größere Erfüllung.